Kopf des Monats

Ghazal Hakimifard

 

SGL: Liebe Ghazal, 1994 wurdest du in der iranischen Hauptstadt Te­heran geboren, hast dort ver­schiedene Ju­gend- bzw. Frauen-Schach­turniere gewon­nen und für den Iran an diversen Olympiaden ge­spielt. Seit 2016 bist du sogar Frauen-Grossmeisterin. Vor einem Jahr bist du nun definitiv in die Schweiz ausge­wandert. Was ist denn an der Schweizer Schachszene besser als an jener deines Heimatlan­des?

 

GH: 2017 habe ich mich entschieden, meinen Master in Informatik an der ETH zu machen. Seither lebe ich in Zürich. Jetzt habe ich mein Studium abgeschlossen und arbeite als Software Engineer in einer Firma in Basel. Wie du weisst, trage ich den Titel des WGM, was sehr harte Arbeit erfordert. Ich lebe und arbeite in der Schweiz und habe mich entschieden, für die Schweizer Nationalmannschaft zu spielen, um meine Schachkarriere fortsetzen zu können. Ich spiele seit 2020 für die Schweizer Nationalmannschaft und bin sehr glücklich darüber.

 

SGL: Du hast in der zurückliegenden Schweizer Mannschaftsmeisterschaft für die Schachgesell­schaft Luzern in der Nati-A mitgespielt und dabei mit deinem Score von 5/9 wesent­lich zum Ge­winn des Meistertitels beigetragen. Was hatte dich seinerzeit bewogen, ausgerechnet für die SGL zu spie­len?

 

GH: Meine erste Schacherfahrung in der Schweiz war das Lucerne Open im Jahr 2005, und seitdem bin ich Mitglied der SGL. Damals war ich 10 Jahre alt und genoss das Turnier und meine Reise nach Lu­zern sehr. Ich kann mich erinnern, dass mich das Kanonenschiessen auf dem Vierwalds­tättersee zur Schweizer Nationalfeier erschreckt hat… Die Luzerner Schachgesellschaft hat in der SMM ein starkes und motiviertes Team, und das ist mir wichtig. Es ist eine Gelegenheit, mehr zu lernen. An dieser Stel­le möchte ich mich bei den Funktionären der SGL und speziell bei unserem Captain Oli­ver Kurmann für das Engagement bedanken.

 

SGL: Der legendäre Schachweltmeister Bobby Fischer hat 1963 im kanadischen Fernsehen ge­sagt, Frauen seien „schreckliche Schachspieler‟. Seine exakten Worte waren: „Ich glaube, sie sind einfach nicht so klug. Ich glaube nicht, dass sie sich in intellektuelle Angelegenhei­ten einmischen sollten, sie sollten strikt zuhause bleiben‟. Bist du auch dieser Meinung? ;-)

 

GH: Bobby Fischer war und bleibt ein grosser Schachmeister, aber solche Aussagen haben keinen wis­senschaftlichen Hintergrund. Wäre er jetzt noch am Leben, hätte er vielleicht eine andere Meinung oder würde sich vorsichtiger ausdrücken.

 

SGL: Welches sind deiner Ansicht nach die Gründe, warum nicht nur in der Schweiz, sondern welt­weit die Frauen im Schachsport so enorm in der Minderheit sind?

 

GH: Schach wird von Männern dominiert, aber das bedeutet nicht, dass sie schlauer sind als Frauen. Die Statistiken zeigen, dass die Zahl der weiblichen Spieler viel geringer ist. Im Schweizerischen Schachverband zum Beispiel ist das Verhältnis von registrierten männlichen und weiblichen Schach­spielern 4942 zu 346. Aufgrund des geringeren Interesses der Frauen, sozialer und kultu­reller Grün­de und der dominierenden Anzahl männlicher Schachspieler gibt es mehr qualifizierte männliche Schachspieler. Folglich sind die Spitzenschachspieler meistens Männer.


SGL: Was hat dich eigentlich als Kind so fasziniert am Schach? Und welchen Reiz hat für dich nun als er­wachsene Frau das Schachspiel?

 

GH: Es gibt ein Zitat des ehemaligen Schachweltmeisters Anatoly Karpov, das besagt: "Schach ist al­les: Kunst, Wissenschaft und Sport." Schach ist voller Möglichkeiten und versteckter Ideen, die es zu ent­decken gilt. Jede Partie ist wie ein neues Rätsel, das es zu lösen gilt. An einem Tag können eine Mil­lion Partien gespielt werden, aber keine gleicht der anderen. Es ist ein stiller Kampf der Gedanken, der sich auf dem Brett widerspiegelt. Es ist, als ob man einer Armee von Figuren und muss einen Kampf planen. Es geht darum, die Stärken und Schwächen der Stellung zu erkennen und die Figu­ren entsprechend zu koordinieren. Die Entwicklung von Taktiken und die Umsetzung strategischer Ideen, um die Pläne des Gegners zu vereiteln, sind faszinierend. Es macht mir Spass, zu planen und zu versuchen, Probleme zu lösen und die besten Züge während der Partie zu finden. Wenn ich Schach spiele, tauche ich in das Spiel ein und merke nicht, wie die Zeit ver­geht.

 

SGL: Du bist ja nicht Schach-Profi. Wie viele Stunden täglich widmest du dich als Amateurin dei­nem Training?

 

GH: Ich arbeite als Software-Ingenieur. Schach ist sehr anspruchsvoll, und es ist sehr schwierig, beiden Bereichen nachzugehen. Wenn ich an einem Turnier teilnehmen möchte, widme ich dem Schach mehr Zeit. Ansonsten habe ich, glaube ich, etwa 4 Stunden Training im Monat, und wenn alles gut läuft, etwa 5 Stunden Partien-spielen und Schachprobleme-lösen pro Woche.

 

SGL: Welchem Aspekt der Schachpartie widmest du dich bei deinen Vorbereitungen auf ein grös­seres Turnier besonders: Eröffnung, Taktik, Strategien, Endspiel?

 

GH: Ich konzentriere mich hauptsächlich auf das Mittelspiel und das Lösen von Problemen, die eine Mi­schung aus taktischen Ideen, Berechnung, Angriff und Verteidigung sowie strategischen Plänen be­inhalten. Aber natürlich versuche ich auch, meine Schacheröffnungen auf der Grundlage der mit mei­nem Trainer analysierten früheren Partien zu verbessern.

 

SGL: Hast du besondere psychologische oder sportliche Trainingstechniken: Autogenes Training, Jog­ging, Sparring-Partien, Online-Studium, u.a.? Oder arbeitest du mit einem eigenen Trainer zu­sammen?

 

GH: Ich gehe vor meinen Partien immer spazieren, das hilft mir sehr. Ich bin auch dankbar für die mora­lische Unterstützung durch meine Eltern, meine Schwester und einige enge Freunde, die meine Spie­le immer verfolgen und mich bei meinen Turnieren unterstützen.


SGL: Welche Anregungen würdest du einem jungen und talentierten Mädchen mit auf seinen Schachweg geben?

 

GH: Ich denke, es hilft, wenn Schach in der Schule unterrichtet wird. Auch die Medien und die Werbung können einen großen Beitrag leisten. Zum Beispiel wird Schach im Gegensatz zu anderen Sportar­ten nicht live auf Fernsehkanälen übertragen. Kürzlich hat die Netflix-Serie "Queen's Gambit" das In­teresse von Frauen am Schach erheblich gesteigert.
Man stelle sich vor, eine Schachspielerin spielt Simultanschach mit etwa 30 anderen Spielern an ei­nem öffentlichen Ort. Das könnte eine große Inspiration sein. Ich denke, dass diese Art von Ver­anstaltungen die Zahl der weiblichen Schachspieler allmählich erhöhen kann und wir schliesslich immer mehr weibliche Grossmeister unter den Spitzenspielern der Welt haben werden.

 

SGL: Hast du ein besonderes Vorbild unter den berühmten Schachspielerinnen, und wenn ja: War­um aus­gerechnet sie?

 

GH: Judit Polgar. Sie ist die stärkste Spielerin aller Zeiten und hat alle Aussagen über die Intelligenz von Frauen widerlegt.


SGL: Was sind deine nächsten sportlichen Karriere-Ambitionen als Schachspielerin?

 

GH: Ich denke, der GM-Titel (der Männer) ist das Ziel jedes/r Schachspielers/in, aber ich möchte Schritt für Schritt vorgehen. Ich habe bereits eine IM-Norm und möchte, wenn möglich, in den nächsten Jah­ren den IM-Titel erreichen. Mein kurzfristiges Ziel ist es, bei der kommenden Schacholym­piade gut abzuschneiden. ■

Das Interview wurde auf englisch geführt, hier geht's zur deutsch/englischen Fassung .

 

Zur Person: Ghazal Hakimifard wurde 1994 in Teheran geboren. Ihr erster grosser Schach-Erfolg war im Jahre 2007, als sie bei den Asian Youth Chess Championships die Bronzemedaille in der Gruppe der Mädchen U14 gewann.


Den Titel als Internationale Meisterin der Frauen (WIM) führt sie seit 2011. Von 2010 bis 2016 spielte sie für den Iran bei der Schacholympiade der Frauen. Beim 87. FIDE-Kongress 2016 in Baku wurde ihr der Grossmeistertitel der Frauen verliehen.

 

Ghazal Hakimifard führt aktuell  die Schweizer Elo-Rangliste der Frauen an, ihre höchste Elo-Zahl war 2308 im September 2016.

 

Der Wikipedia-Artikel über Ghazal Hakimifard hält fest (Zitat):

"Ghazal Hakimifard gehört neben der iranischen Schachspielerin und Schiedsrichterin Shohreh Bayat und dem besten iranischen Spieler Alireza Firouzja in die Gruppe iranischer Schachspieler, die aus sportpolitischen Gründen den Iran verlassen haben".

(Iranischen Schachspielern ist es vom Iranischen Schachverband nicht gestattet, gegen Schachspieler aus Israel anzutreten. Auf vielen Turnieren wurde dieser Konflikt umgangen, indem man die Auslosung Runde für Runde neu durchführte, um Paarungen zwischen Iranern und Israelis zu vermeiden. Die FIDE-Führung hat darauf hingewiesen, dass sie diese Praxis nicht mehr dulden wird. Die iranischen Spieler sind nun häufiger gezwungen, ihre Partien wegen Nichtantretens verloren zu geben).

2020 wanderte Ghazal Hakimifard endgültig in die Schweiz aus und spielt seitdem für die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft. Seit einem Jahr ist sie Mitglied der Schachgesellschaft Luzern und spielt für unseren Klub in der obersten Liga der nationalen Mannschaftsmeisterschaft. Mit der SGL-Mannschaft eroberte sie Ende 2021 den Schweizer Meistertitel.

(WE - 24-01-22)



Jörg Schmid

Lieber Jörg, du wurdest vor rund einem Jahr (und mitten in der Corona-Pandemie) zum neuen Präsidenten der Schachgesellschaft Luzern gewählt. Wie hast du dein erstes Präsidialjahr der SGL erlebt, mit welchen Schwierigkeiten hattest du besonders zu kämpfen?

JS: Die verschiedenen Lockdowns 2020 und 2021 haben das Schachspielen stark behindert, etwa weil sportliche Anlässe zeitweise verboten und Restaurants geschlossen waren, mit Einschluss unseres Club-Lokals. Die Schweizerische Mannschaftsmeisterschaft (SMM) 2020 fiel gänzlich aus, und das Club-Leben ruhte. In dieser Zeit hat der Vorstand brieflich oder per E-Mail den Kontakt mit den Mitgliedern zu halten versucht, und einige Spieler haben sich an Online-Turnieren beteiligt. Das Präsenz-Schachleben kommt erst nach und nach wieder in Bewegung.

Das Schachspiel hatte auch schon grösseren Zulauf in der breiten Bevölkerung, und Corona macht es den Verbänden und Klubs erst recht schwer. Vor welchen Herausforderungen stehen aktuell die Schweizer Schachvereine?

JS: Die Schachgesellschaft Luzern und auch die übrigen Schachvereine unternehmen grosse Anstrengungen, das Club-Leben wieder zu intensivieren. Schach soll wieder im "Präsenz-Modus" möglich sein. Ausserdem stehen alle Clubs mit NLA-Mannschaften auch vor finanziellen Herausforderungen, v.a. weil die öffentliche Hand und private Donatoren ihre Beiträge reduziert haben.

Ist die vermehrte Präsenz mancher jugendlichen Schachfreunde in den Online-Spielangeboten ein Problem für die Vereine? Oder hat sie auch positive Effekte auf das Spielniveau?

JS: Die Online-Schachangebote haben es ermöglichst, schachlich aktiv zu bleiben und zu trainieren, was insbesondere die jüngeren Schachspieler genutzt haben. Dem kann ich durchaus positive Aspekte abgewinnen. Wichtig ist aber, dass nach und nach auch die Club-Abende und die Präsenzturniere wieder durchgeführt und von zahlreichen Spielern besucht werden. Hier sind wir im Moment auf gutem Kurs; auch Juniorinnen und Junioren sind wieder dabei.

Schweben dir für die Schachgesellschaft Luzern bestimmte Zielsetzungen vor, hast du besondere Schwerpunkte für das Vereinsleben?

JS: In Absprache mit dem gesamten Vorstand möchte ich das Clubleben wieder intensivieren (Vereinsturnier, Themenabende usw.), die Position der 1. Mannschaft in der Nationalliga A sichern und das Juniorenschach fördern. Dazu gehören wie für jeden Verein auch gesunde Finanzen. An allen diesen Punkten arbeiten wir intensiv.

Zur Person: Prof. Dr. Jörg Schmid wurde 1959 in Luzern geboren. In der SGL spielt er seit 1975 mit, derzeit mit einem ELO-Rating von ca. 1930. Nach der Matura, dem juristischen Studium und dem Erwerb des Anwaltspatents war er zunächst tätig am Gericht. Seit 1992 ist er Professor für Privatrecht, zunächst an der Universität Freiburg, seit 2001 an der Universität Luzern. Seine weitere Hobbys sind u.a. das Wandern und die klassische Musik.

(WE - 10-11-21)